Spieglein, Spieglein an der Wand…

Warum gibt es immer mehr Typberater, Visagisten, Berater und Coaches jeder Couleur?

Weil immer mehr Menschen mit ihrem Selbstbild nicht mehr in Einklang sind. Dass es ein Selbstbild gibt, das jeder irgendwie von sich hat, ist bekannt. Das kann das Bild sein, das man morgens im Spiegel rasiert, auch wenn man das Gesicht nicht gleich erkennt oder die tolle Frau im Abendkleid, die ihr Spiegelbild in der Boutique bewundert. Wenn man mit dem Bild im Spiegel da in Einklang ist, ist alles gut.

Fotolia©DMM Photography Art

Das ist man aber leider nicht immer. Und jetzt kommt das Interessante an dieser Geschichte: Nämlich, wie sich das bemerkbar macht. Unser Gehirn als unerbittlicher Wächter über die gelernte Realität schützt sehr verbissen das, was es als „Eigentum“ zu besitzen glaubt. Die eigene Identität, das eigene Gedächtnis, das eigene Er-Leben.

Ist das Selbstbild also nicht wirklich mit sich in Harmonie, passiert folgendes. Wir alle kennen den Begriff der selektiven Wahrnehmung: Wird eine Frau schwanger, sieht der Ehemann plötzlich überall nur noch Frauen mit Kinderwagen, die er vorher nie wahrnahm. Fühlt sich jemand zu dick, wird er überall auf beleibte Menschen achten.

Subtiler arbeitet das Gehirn bei angelernten Verhaltensmustern, mit denen der Mensch nicht wirklich, aber unbewusst, nicht übereinstimmt. Um sein Selbstbild aufrecht zu erhalten, projiziert es die – eigentlich eigenen Störungen – auf beliebige Gegenüber. Mensch, kommt der aber arrogant daher, denkt das Stammhirn desjenigen, der Probleme mit seiner eigenen Arroganz hat.

Wie lieblos dieses Pärchen miteinander umgeht, denkt die Frau, deren eigene Ehe schon lange unter Lieblosigkeit leidet. Tatsächlich nehmen wir an anderen nur wahr, was der Andere von uns als Spiegelbild zurück wirft. So erklären sich auch die berühmten ersten Sekunden einer Begegnung. Der Andere ist uns sympathisch, weil er unsere eigene Freundlichkeit spiegelt. Der Andere ist uns unsympathisch, weil wir in ihm unsere eigene Herrschsüchtigkeit wahrnehmen. Manch einen, dem wir begegnen, nehmen wir kaum wahr, weil er ins uns selbst schlicht keine Saite zum Klingen bringt.

Wenn Sie sich das nächste Mal also über den fiesen Chef ärgern, der Sie schon wieder nicht gebührend gelobt hat. Wenn Sie ärgerlich auf Ihre Tochter sind, die die Pflichten in der Schule zu nachlässig angeht, dann wissen Sie, was Sie zukünftig tun werden.

Sie werden sich daran erinnern, dass Sie nur wahrnehmen, was Sie im Spiegel des Gegenübers sehen. Und dann urteilen Sie zukünftig vielleicht etwas milder über die vermeintlich so fehlerhaften Mitmenschen. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Erschließt sich jetzt der tiefere Sinn des berühmten Märchens?

Oder Sie machen es wie die Frau im bekannten jüdischen Witz, die zu Ihrem ausgesprochen nicht Mainstream konformen Spiegelbild sagt:

„Dieses Scheusal gönn’ ich ihm.“

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