Tag des öffentlichen Dienstes!

Wussten Sie, dass es seit 2003 einen Tag des öffentlichen Dienstes gibt? Mich macht das schon etwas misstrauisch, dass es einen solchen Tag gibt. Dabei führte die UN den 23. Juni als Gedenktag an die ein, die das Zusammenleben großer Gemeinschaften organisieren.

Jedenfalls musste ich letzte Woche ins Kreisverwaltungsreferat. Das ist in München so ein typischer Never-Come-Back-Bau, als säße Friedrich Nietzsche persönlich vorm Eingang und warte vergeblich auf Einlass beim jüngsten Gericht oder hätte George Orwell dieses Gebäude vor Augen gehabt, als er das Ministerium für Gutsprech in „1984“ beschrieb.

Fotolia©Pix Partout

Bei meinem ersten Besuch in dieser Sache kam ich gegen 20 Minuten vor 08:00 Uhr, in der Meinung, es sei noch nicht so voll.

Irrtum. Es war voll. Allerdings nicht drinnen, sondern schon draußen vor den Toren.

Die öffnen nämlich erst um 08:00. Eine Behörde in einer Großstadt, die erst um 08:00 Uhr öffnet? Da heißt es ja gleich Urlaub nehmen für jeden Gang nach Canossa. Auch die Tiefgarage wurde von einem bis an die Zähne bewaffneten Uniformierten verteidigt als ich um 07:40 Uhr einfahren wollte. Da könnte ja jeder kommen, um den kostbaren Parkbeton schon vor 08:00 Uhr abzunutzen und in der kalkulierten Lebensdauer deutlich zu ramponieren. Jedenfalls wurden die Tore erst um Punkt Acht geöffnet, so dass sich die 10.000 Wartenden Tsunami-gleich ins Gebäude stürzen und verteilen konnten.

Erstmal drinnen fallen die vielen Leute kaum auf. Es ist riesig dieses Dingens. Nur der Infopoint, zu dem man gehen muss, um eine Nummer und ein Formular oder mehrere zu ziehen, ist umlagert als würde die Hofpfisterei ihre Brotpreise schon morgens halbieren.

Jedenfalls, ich schweife ab. Nach guten zwei Stunden Meditation auf den knarzenden Plastikstühlen wurde meine Nummer angezeigt. Beim nächsten Besuch sollte ich nur schnell zur Kasse kommen, um den fertigen Ausweis abzuholen.

Also mein nächster Besuch. Jetzt schon gewieft kam ich so überpünktlich, dass ich um 08:01 ins Parkhaus einfahren und direkt in den 1. Stock durchmarschieren konnte. Komisch, es kam mir so leer vor plötzlich.

Also nicht leer, sondern geisterhaft, still, mucksmäuschen.

Aber meine Uhr zeigte 08:05 Uhr, morgens, MEZ. Der erste Infopoint war geschlossen. Auch der nächste. Keine Leute! Himmel, was ist passiert. Da, die Kasse. Tatsächlich drinnen sitzt eine gelangweilte junge Frau mit gelbrotenlila Haaren. Aber keine Leute.

Ich sage also, dass ich meinen Ausweis abholen möchte. Antwort: „Da brauchen Sie einen Laufzettel.“ Ich: „Ich wollte nur meinen Ausweis abholen.“ – „Da brauchen Sie einen Laufzettel.“ Ich: „Was ist das? Es hieß, ich brauche nur zur Kasse zu kommen.“  Antwort: „Einen Laufzettel, den bekommen Sie bei den Kollegen hinter dem Infopoint. Aber heute ist zu,“ versetzte sie mir den Todesstoß. „Heute ist für den öffentlichen Verkehr geschlossen.“ Ich: „Wie? Zu? Es ist Mittwoch. Morgens. 08:15 Uhr MEZ. In München. Weltstadt mit Herz.“

Mit festem Schritt ging ich um die Ecke zu meinem geschlossenen Infopoint. Tatsächlich. Ganz hinten, in einer Reihe Formulare, die Öffnungszeiten, mittwochs für den Publikumsverkehr geschlossen. Todesmutig ging ich an die Tür, vor der ich schon vor vier Wochen auf Einlass hoffte. Die Tür war offen. Drinnen saß ein Mann, ein Mensch. Jemand, der arbeitet.

Ich denke, er erkannte mich, obwohl ich bei seiner Kollegin gewesen war. Jedenfalls interpretierte ich so seinen überraschten Ausdruck am Mittwochmorgen mit plötzlichem Publikumsverkehr. Er hatte wohl vergessen, seine Tür von innen abzusperren.

Bevor er etwas sagen konnte, fragte ich ihn, ob es stimmt, dass hier tatsächlich zu ist – an einem Mittwoch. Ja, meinte er, schon immer. Für interne Zwecke. Postverkehr und so. Wie früher der Friseusenmontag scherzte ich. Er fragte, was ich hier wolle. Jetzt kommt’s dachte ich. Na, ja. Meinen Ausweis abholen. Leider, sagte er. Ob ich morgen um 08:00 nochmals kommen könne. Ich kann dann gleich bei ihm reinkommen, ohne zu warten.

Als ich überlegte (ich war mir nicht sicher, ob ich morgen Zeit haben würde), meinte er plötzlich: „Moment Mal. Ich schau mal, ob ich da reinkomme. Am Mittwoch.“ Er gab verschieden Adressen in seinen PC ein. „Ich bin drin,“ triumphierte er. „Jetzt muss ich schauen, ob Ihr Antrag durch ist und dann einen Barcode drucken. Damit bekomme ich Ihren Laufzettel und dann…“

Ehrgeiz hatte ihn gepackt. Jetzt lag es an mir, still zu sein. Die Magie des Augenblicks nicht zu zerstören. Nach einigen Augenblicken hörte ich ein: „So!“ Und ein Drucker sprang an. Er strahlte: „Hier ist Ihr Laufzettel. Gehen Sie zur Kasse und holen Ihren Ausweis ab. Jetzt!“

„Die Rotgelblilane gibt mir keinen Ausweis,“ wandte ich ein. Er rief dort an: „Gleich kommt Herr F. Gibst Du ihm seinen Ausweis?“ Ich ging zurück zur Kasse, schob meinen Laufzettel durchs Panzerglas, erntete eisige Blicke und einen neuen Ausweis. Ungläubig ging ich zurück zu Herrn – ich nenne ihn einfach mal -Engel, um mich zu bedanken. Er meinte nur: „Gern geschehen.“

Ganz betäubt von diesem Erlebnis schwebte ich hinunter durch Menschen leere Korridore in die ebenso leere Tiefgarage. Kurz überlegte ich noch, meinen Parkplatz zu kehren. Was soll man dazu sagen?

Ich plädiere ab sofort für den ‚Tag des öffentlichen Verkehrs‘. Aber nicht, dass jetzt alle nur noch am Mittwoch kommen.

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