Fröhliche Weihnachten!

Fröhliche Weihnachten wünschen wir heute allen Lesern und Geschäftspartnern. Hoffentlich hat jeder seine Geschenke gepackt und schön dekoriert unter seinen geschmückten Tannenbaum drapiert.

Wenn dann am Nachmittag der Weihnachtsmann laut an die Tür klopft, draußen vom Walde her kommend und den lieben Kleinen Lebkuchen, Apfel, Nuss und Mandelkern mitbringt, kann das Familienfest beginnen.

©Jeremy Gallman, unsplash.com

“Was’n das?“ nölt leider die heutige Jugend, die nicht mehr weiß, was Mandeln und Nüsse sind. „Keine neue Playstation, Aldär? Was’n das für’n Scheiß?“

Eigentlich schade, dass wir für heute Abend neben dem Weihnachtsmann keinen Knecht Ruprecht bestellt haben. Obwohl, ich kann mir kaum vorstellen, dass ein kettenrasselnder Knecht Ruprecht heute noch viel Angst und Schrecken verbreiten würde. Vermutlich wäre das eher anders herum, wollte der verweichlichte Soziologiestudent, der mit der Ruprecht-Rolle sein Taschengeld aufbessert, den heutigen Lausbuben quer kommen. Da bräuchte es dann schon mehr als einen Rentierschlitten, um schnell Land zu gewinnen.

So ist das mit den Bräuchen. Die, die sich nicht aufpimpen lassen, geraten allzu schnell in Vergessenheit und verlieren ihren eigentlichen Sinn.

Oder weiß heute noch einer der unter 20-Jährigen, dass Halloween mal Erntedankfest hieß, dass der 3. Oktober zum Feiertag wurde, weil es weiter östlich mal eine Mauer gab und dass Weihnachten gefeiert wird, weil vor gut 2.000 Jahren Jesus Christus in Bethlehem geboren wurde? An solchem obsoleten Brauchtum haben die Wenigsten noch Interesse: Lässt sich doch mit ein paar mickrigen Mandeln oder  Nüssen keine Kohle machen. Da müssen schon noch ein paar iPhones, Digi-Watches oder Nike-Converse-Chunks für 500 € in den Sack.

Während wir abends zusammen Plätzchen backen, suggeriert uns die werbetreibende Industrie im Werbeblock zwischen den Weihnachtsliedern, nein, sie knallt es uns an den Kopf: „An Weihnachten günstig nach Hawaii! Gönnen Sie Ihren Liebsten ein paar Tage Sonne!“ In den Anzeigen gibt es dazu ein paar Schnappschüsse einer drallen Blondine im roten Bademantel, der entfernt an den guten, alten Weihnachtsmann erinnern soll.

Früher hat es oft geschneit an den Weihnachtsfeiertagen. Wir machten einen langen Waldspaziergang im Schnee und tranken danach selbst gemachten Glühwein, bevor es Kartoffelsalat und Würstchen gab. Doch heute macht die Klimaerwärmung, die natürlich nichts mit den Menschen zu tun hat, Schnee in den Alpen oder gar im Voralpenland zu einem winterlichen Weihnachtsmärchen aus alter Zeit.

Zwar ficht das die Schneezirkusse in den Alpen nicht an, solange die Schneekanonen noch für genügend Kunstschnee sorgen, selbst wenn sie den verbleibenden Naturschutzfleckchen den allerletzten Tropfen Wasser abdrehen.

Mich stört das allerdings auch nicht weiter, weil ich das Hawaii-Weihnachts-Sonderangebot gebucht habe. Nächstes Jahr an Weihnachten sitze ich mit einer roten Weihnachtsmannsmütze in Waikiki Beach und lasse mir von einer drallen Blondine im roten Bademantel eine kühle Pina Colada kredenzen. Aber das ist dann wieder ein anderes Weihnachtsmärchen.

 

 

 

 

 

 

Akquirieren wie die Mafia!

Eigentlich müsste ich gar nicht mehr arbeiten, mailte mir dieser Tage ein Londoner Anwalt von der Kanzlei – ich nenne sie mal – Raffke & Partner London Legal, könne ich doch ein Erbe von etwa sechs Millionen Pfund antreten.

 

Fotolia © vividflowstudio

Wirklich schade, dass ich im Kino weder Superman zutraue, fliegen zu können, noch mich der Hoffnung hingebe, alle Supermodels würden morgens aussehen wie auf dem Vogue-Cover.

Eines jedoch habe ich sofort begriffen: Wenn jemand etwas von Akquise versteht, sind es Mafia, Nigeria-Connection & Co. Wo also, wenn nicht hier, ließen sich die besten Tricks und Kniffe aus dem schwarzen Geigenkasten abschauen?

Die Ansprache oder Sales-Story muss die Aufmerksamkeit des potenziellen Interessenten einfangen. Ihn buchstäblich neugierig machen, mehr zu erfahren. Doch wichtig: Die Sales-Story soll lediglich den Kontakt herstellen, eine Beziehung aufbauen, niemals verkaufen!

Hier: „Wie sind Treuhänder eines 15-Millionen-Pfund-Vermögens und haben Sie als möglichen Erben recherchiert!“

Ihre Botschaft sollte, wie Sie selbst, glaubwürdig und persönlich daherkommen.

Hier ist es der Briefkopf einer Londoner Anwaltskanzlei mit Logo und ganz, wichtig Wappen sowie die direkte Kundenansprache („Lieber Herr KF“).

Jetzt wird noch der Köder ausgelegt: „Unser Mandant, Gustav F., der allein lebte und keine Verwandten mehr besaß, ist verstorben. Damit das von uns als Treuhänder verwaltete Erbe von 15 Mio. £ nach englischem Recht nicht der Krone zufällt, haben wir Sie als möglichen Erben recherchiert.“

Ihre Ansprache sollte einen individuellen Nutzen versprechen.

Hier: „Wir würden Sie deshalb als rechtmäßigen Erben einsetzen und notariell beglaubigen.“

Ebenso sollte die Botschaft auf einen individuellen Vorteil für Ihren Interessenten zielen. Gut ziehen ja immer die Gewinnerzielungsabsicht, die menschliche Gier und das persönliche Gewinnstreben.

Hier „Sie würden 40% des Erbes erhalten, wir ebenfalls 40%.“

Wenn möglich ist es vorteilhaft, das soziale Gewissen anzusprechen.

Hier: „10% der Erbschaft gehen an soziale Stiftungen und 10% wären für die nötigen Gebühren und Auslagen vorgesehen.“ Damit werden elegant die Kosten ins Spiel gebracht, die die potenziellen Interessenten zu tragen haben.

Sie möchten nur mit Interessenten sprechen, die Ihr Angebot auch annehmen können? Das ist genau der Sinn von Akquise: Die Qualifizierung Ihrer möglichen Kunden. Wenn Sie 100% Marktanteil haben, dann brauchen Sie nicht zu akquirieren. Wenn jeder Mensch, der einen Bäckerladen betritt, etwas kauft, ist der Marktanteil für den Bäcker 100%.

Da aber weder die Mafia noch ich davon ausgehen, dass jeder Kontakt auch unser Angebot annimmt, reichen auch je nach Gewinnspanne 1 von 100, oder 1 von 1.000. Nochmal konkret: Wenn Sie von Ihrer möglichen Zielgruppe 10% als Kunden gewinnen wollen, werden Sie bei der Akquise 90% mögliche Nichtkunden identifizieren. Auch das ist ein Erfolg.

Machen Sie es Ihrem möglichen neuen Kunden leicht, mit Ihnen ins Geschäft zu kommen.

Anwaltskanzlei Raffke fordert mich auf, sofort zu antworten, damit sie die Überweisung meiner 6 Mio. £ schnell in die Wege leiten können.

Ein bisschen Druck kann auch nicht schaden.

Also lässt Anwalt Raffke durchblicken, dass er mehrere meiner Namensvettern kontaktiert hat, was in etwa dem sonstigen „Unser Angebot gilt nur noch bis Morgen 12:00 Uhr“ entspricht.

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Mein Fazit, das ich aus dieser Mail ziehe? Warum geben sich Mafia & Co mehr Mühe mit ihren Werbebotschaften als die meisten Werbetreibenden, die mir sonst oft begegnen? Und was soll ich mit sechs Millionen Pfund?

Sonnenschirm!

„Dieser Sonnenschirm!
Stiehlt sich aus des Himmels Blau
einen roten Fleck.“

Dieses Haiku schrieb mein Vater vor vielen Jahren.

©kf

Jahre später schoss ich dieses Foto, ohne das Haiku zu kennen.
Jetzt kommen beide zusammen.

 

 

 

 

 

 

Point of Sale

Heute früh gehe ich bei strahlend stahlblauem Septemberhimmel vom Parkhaus aus in den ersten Stock eines Bauhauses, um durch das Treppenhaus nach unten zu gelangen. Da stolpere ich fast vor Schreck. Sind hier oben doch normalerweise etliche Kaminöfen ausgestellt, aber heute?

Heute blinken mich kitschig bunte Lämpchen aus weißem Kunstschnee von Plastiktannen so surreal an, dass ich kurz die Orientierung verliere.

unsplash©freestocks.org

Draußen, nicht vom Walde her komme ich, sondern vom Nymphenburger Park, in dem die herrlichsten Kastanien, Ahornbäume und Eschen in allen Farben des Bavarian Summers leuchten. Das Herz lacht und die Kinder schleppen aufgeregt ihre gesammelten Kastanien heim, um daraus Männchen, Schiffe oder Tiere zu basteln. Und jetzt das?

Fassungslos stehe ich vor dieser unsagbar geschmacklosen und viel zu früh auf Weihnachtskonsumrausch gebürsteten Marketingstrategie. Mich überkommt das Verlangen, selbst wenn ich zum Überleben den letzten Kaminofen seiner Art hier bekommen hätte, diesen Ort grauenvoller Vermarktung so schnell wie möglich hinter mir zu lassen und nie wieder betreten zu müssen.

Dabei lehrt es doch alle Theorie: Da der Konsument seine Kaufentscheidungen überwiegend aus dem Bauch heraus trifft, wenn er nur erst am Point of Sale eingetroffen ist, müssen wir lediglich seine Rezeptoren subtil reizen und er wird das tun, wozu er da ist: Konsumieren.

“Subtil reizen“, lehrt das Neuromarketing. Nicht mit dem Vorschlaghammer kämmen, auch wenn für manche Marketingleute jedes Problem wie ein Nagel auszusehen scheint, weil sie nur diesen zur Verfügung haben. Ich habe bisher die Meinung vertreten: Meine Kunden schreie ich nicht an. Heute wird dem Lead anscheinend sogar absichtlich mit dem Hinterteil ins Gesicht gesprungen. Warum tun die das? Schleppen die Besucher jetzt die Kaminöfen weg wie die berühmten warmen Semmeln? Das sollte man beobachten.

Auch in den verschiedenen Supermärkten stehen bereits pünktlich zum 1. September Paletten mit Spekulatien, Lebkuchen und Nikoläusen im Weg und zeugen vom schlechten Geschmack der Marketingabteilung – und der missverstandenen Theorie des verführbaren Verbrauchers. Aber sie stehen wenigstens nur im Weg und springen mich nicht an. Wenn auch Weihnachtsmänner an einem heißen Septemberabend, den ich im Biergarten verbringen werde, meine Rezeptoren nicht wirklich anregen können.

Ich achte mal darauf, ab welchem Tag ganz subtil „Jingle Bells“ zugeschaltet wird. Das sagt zwar nichts aus über den Verbraucher, eine Menge allerdings über den, der den Knopf drückt. Also, wenn schon antizyklisch, dann richtig. Warum nicht jetzt schon mit den lieben kleinen Osterhasis dem Verbraucher Frühlingsgefühle vermitteln und dafür das Lametta im Juli aus dem Speicher holen?

Ich werde mir morgen mal eines dieser ausgestellten Lebkuchenpakete mitnehmen und es dann Heiligabend öffnen, nur um zu testen, ob die Dinger dann wirklich noch essbar sind. Zahnarztrechnungen darf ich wohin schicken?

 

 

 

 

Elevator Pitch

Kürzlich schrieb ich an anderer Stelle über ein vor dem Geschäft aufgestelltes Display, das auf irgendwelche Angebote hinweisen soll. Und heute lese ich mit selektiver Wahrnehmung in einem Prospekt, mit welchem Namen dieses Ding tatsächlich angeboten wird: Kundenstopper!

Ist das nicht schön? Hier beschreibt der Name tatsächlich mal die Funktion. Wer hätte da nicht auch gleich gern 5-6 Kundenstopper?

Das bringt mich zu einer anderen Frage. Wie heißen denn diese Dinger, die am Supermarkt an der Kasse dafür sorgen, dass man die Waren der Kunden unterscheiden kann? Warentrenner? Kundenmarkierer? Ordnungsbalken?

Warum mich das beschäftigt? Aus vielen Gründen. Einer davon ist mein rein professionelles Interesse. „Was machen Sie beruflich?“ – „Ich produziere Kundenstopper!“ Das hat was.

So ein Schreibwarenprospekt ist ja auch ein wahres Marketingmonster. Da gibt es Karton-Trennstreifen, Trennblätter und Manila-Register, die ich alleine wegen des Namens bestellt habe. Es tummeln sich Ösenhefter neben Eckspannern und Einschlagmappen, die sich von schnöden Ordnungsmappen unterscheiden. Auch suche ich Sicht-, keine Prospekthüllen, wie ich den bunten Bildchen entnehme. Wobei mir beide Begriffe nicht aktiv geläufig waren.

Ist ja auch die klassische Schwierigkeit. Beschreiben Sie mit einem Begriff, in einem oder in zwei Sätzen, was Sie tun. So zwischen EG und III. Stock. Neudeutsch „elevator pitch“ oder „story“. „Ich fahre Lift“, gilt nur, wenn Sie der Liftboy sind.

unsplash©Daan Stevens

Die Schwierigkeit liegt natürlich darin, das so zu formulieren, dass es für Ihren Gesprächspartner interessant klingt bzw. der Beginn eines guten Gespräches wird. Deswegen hört man meistens: „Ich bin Anwalt“, „Ich bin in einer Versicherung tätig“ oder „Ich coache Verkäufer“ – also alles keine wirklichen Burner!

Auch: “Ich schau’ dir in die Augen, Kleines!“, zieht nicht nur bei Humphrey-Bogart-Liebhaberinnen nicht mehr. Deswegen mein Tipp: Testen Sie Ihren neuen Elevator Pitch mal bei der heißen Blonden an der Hotelbar.

 

 

Loi Krathong – ลอยกระทง

Gestern begingen die Thailänder ihr traditionelles Loi Krathong Fest. Jedes Jahr im November, zum Ende der Regenzeit, wenn der letzte Vollmond des Jahres am Himmel steht, versammeln sich nach Einbruch der Dunkelheit an allen Bächen, Flüssen und Seen, selbst an den Stränden der Andamanen See oder des indischen Ozeans die Menschen. Sie bringen kleine Nester zu Wasser, geschmückt mit Blumen und Kerzen. Und so treiben hunderte von kleinen Schiffchen im Kerzenlicht auf den Wassern dahin. Ein Anblick, der wenn man ihn das erste Mal sieht, so fremd ist und so schön. So fern und so vertraut, dass einem das Herz ganz weit und warm wird.

unsplash©mike-labrum

Wie viele der thailändischen Bräuche stammt auch dieses Fest vermutlich aus Indien. Doch die Thais, das stolze Volk der Freien, wie sie sich nennen, adaptieren alles von außen Kommende in irrsinniger Geschwindigkeit. Mit den Kerzen verehrten sie fortan ihren Buddha, dem sie in ihren„fließenden (loi) Nestern (krathong)“ meist auch noch verschiedene Räucherstäbchen mitgeben.

Praktisch veranlagt, wie die Thais in Allgemeinen sind, entwickeln sie aus importierten Vorgängen schnell ihre eigenen Rituale. So fällt auch die erste Bananenernte des Jahres auf das Ende der Regenzeit. Aus den Blättern und Strünken der Bananenstauden basteln sie ihre Krathongs, die kleinen Flöße, Körbchen oder Nester und schmücken sie mit Blumen, Kerzen und Räucherstäbchen. Aber auch ein kleiner persönlicher Nutzen muss schon sein. So geben die Thais ihren Nestern auch kleine Zettelchen mit. Dort schreiben sie ihre Sünden auf, ihre Laster, oder die typischen kleinen Bosheiten und geben sie dem Wasser mit. Eine elegante Art der persönlichen Absolution.

Komisch, dachte ich gestern, als ich im Herbstnebel plötzlich an das „Lichterfest“ dachte: So viele Feste importieren wir aus den USA – oder reimportieren sie wieder. Muttertag oder Halloween sind solche Produkte. Aber selbst in Zeiten, wo schon fast jeder mal Urlaub im thailändischen Mallorca – Phuket – gemacht zu haben scheint, werden die thailändischen Feste hierzulande noch nicht begangen. Das müsste doch eine Marktlücke für ausgefuchste Trendmacher sein.  Passt doch das Lichterfest wunderbar in unsere stille Zeit und selbst das lärmende Songkran, das Wasserfest, fällt bei uns günstigerweise in den Frühling. Würde ich Tees verkaufen oder Kräuter, ich würde die Idee der Krathongs schon importieren. Nicht die Bananenblätter vielleicht, doch eine gewaltige Zubehörindustrie ließe sich aufbauen. Doch zurück zur eigentlichen Geschichte.

Wer abseits der touristischen Pfade in Thailand Loi Krathong feiern will, sollte sich zum Frühstück mit Thais an einen Tisch setzen. Schon bald kommen die ersten Verkäufer vorbei. Mit Blumensträußen, duftenden Orchideen, Blättern und Blüten, dass es eine Pracht ist. Nicht das Styroporzeug, das inzwischen in den Touristenzentren als fertiges Nest verkauft wird. Nein, alles bringt eine unglaublich füllige Natur einzeln auf den Tisch.

Dann wird man eingeladen, mitzumachen. Unter großem Palaver und Gelächter werden die ersten Nester geflochten und im eilig herbei gebrachten Eimer getestet. Natürlich gibt es etliche Tauchgänge und Schlagseiten. Doch mit umso größerem Eifer, wird an den Konstrukten gearbeitet. Es ist unglaublich, wie schnell so ein falsch gebasteltes Körbchen untergehen kann. An einen so kurzweilig verbrachten Tag, wie meinen ersten Krathong-Basteltag kann ich mich kaum erinnern. Ich denke, zum Schluss bastelten über 20 Leute an unserem „Frühstückstisch“.

Das fiel mir ein am Donnerstag, als ich in einen grauen Novembernachmittag schaute. Und ich ließ ein kleines Teelicht, das ich in einen Kranz aus Sonnenblumenblättern gestellt hatte, in einer Pfütze auf meinem Balkon schwimmen. Dem Kerzenlicht gab ich dabei die schlechten Gedanken dieses Jahres mit.

Serengeti!

In jedem Gespräch lässt sich eins feststellen:

Die subjektive Wahrnehmung der gerade ablaufenden Wirklichkeit ist nicht homogen.

Sensationell dabei finde ich, dass trotzdem so etwas wie ein Dialog zustande kommt.
Obwohl wir auch das vermutlich nur annehmen.

Wie komme ich darauf? Mir fiel gerade eine Geschichte ein, die ich früher einmal irgendwo gelesen habe.

Ein Safaribus voller Touristen fährt in der Serengeti an den verschiedensten Tieren vorbei. Wie die Wilden hängen alle Reisenden an den Fenstern, ihre verschieden teuren Kameras vorm Gesicht und fotografieren unaufhörlich. Nur ein Mann sitzt still und unbewegt am Fenster und schaut hinaus. Nach einer Weile bemerkt das sein Sitznachbar und fragt ihn: „Sagen Sie einmal. Warum fotografieren Sie denn nicht?“ Der Mann antwortet: „Ich seh’s mir gleich hier an.“

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Ich denke, so kann man sich an die Begriffe ‚Wirklichkeit und Wahrnehmung, Erinnerung und Persönlichkeit’ ganz gut annähern. Wenn wir die Wirklichkeit mal definieren als die Szenerie in der Serengeti: Mehrere Affenbrotbäume und Schirmtannen, einiges Gebüsch und verschiedenste Tiere pittoresk in der Steppe verteilt. Es ist Tag, die Sonne steht hoch und wirft starke Schatten, in denen Löwen dösen. In der Ferne ziehen einige Giraffen.

Dazu – ganz nebenbei – eine Frage aus dem Zen: Existiert diese Szenerie auch ohne Beobachter?

Doch wir haben ja unsere Touristen. Fotografieren sie, sind sie bereits mit einer doppelten Meta-Wirklichkeit befasst. Alle Sinneseindrücke werden im Gehirn gesammelt, bewertet und interpretiert. Das ist Filter Nummer 1. Filter Nummer 2 ist dann die Kamera, die das bereits interpretierte Geschehen abbildet. Wird sich später das Foto angeschaut, befinden wir uns in Meta-Ebene 3. Sprechen anschließend zwei Touristen anhand der entwickelten Fotos über ihre gemeinsame Reise und die oben beschrieben Szenerie, kommen Ebene 4, 5 und 6 dazu. Wie wirklich ist jetzt noch die Wirklichkeit? Der Tourist, der nicht fotografierte, müsste der Realität um drei Ebenen näher sein, wenn man so will.

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Wohl gemerkt, ich spreche über einen Ausschnitt gemeinsam erlebten Geschehens. Um wieviel schwieriger wird die Verständigung, wenn wir uns über ein abstraktes oder ideelles Thema unterhalten wollen? Wobei dieses Thema auch noch individuell interpretierbar sein dürfte, wie es ja meistens passiert. Ein Beispiel: Ist Provokation ein geeignetes Mittel der Werbung?

Wenn ich diese täglichen Diskussionen, in denen es um eigene Standpunkte und deren Wichtigkeit geht und die über mehrere Meta-Ebenen ablaufen, so verfolge, frage ich mich manchmal: Meint ihr das ernst oder ahnt ihr wenigstens, welcher Irrsinn da gerade abläuft?

Sind Sie noch bei mir?

MaFo

Letzte Woche war ich mal wieder in einem Elektronikmarkt. Natürlich nicht in einem dieser „Wie blöd, dass ich teuer nicht hasse“ – Kette. Langsam wird es ja schwierig beim Handyeinkauf. Mein neues PDA darf nicht von BenQ sein und von Nokia erst recht nicht. Auch will ich Apples Marketingprodukte nicht unterstützen und möchte auch nicht, dass meine Daten auf einem abzuhörenden Server in den USA landen. Würde ich es lediglich von privater Warte aus sehen, wäre meine erste und einzige Wahl: Kein Handy. Auch in grauer Vorzeit konnten mich meine Kontakte, von denen ich v.a. im Privatbereich unzählige hatte, nachweislich immer erreichen. Allerdings gerate ich vermutlich ohne Handyvertrag dafür so richtig in die Mühlen staatlicher Überwachung, wenn es nichts zu überwachen gäbe. Das allein wäre ja schon verdächtig.

Jedoch, sei’ drum. Über den Sinn oder Nutzen der permanenten Erreichbarkeit möchte ich jetzt gar nicht philosophieren. Was mich aber beim Einkauf irritierte, war die Frage an der Kasse nach meiner Postleitzahl.

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Das wurde ich an der gleichen Kasse nämlich mindestens fünf Jahre zuvor auch schon gefragt. Also wollte ich von der Kassenkraft den Grund ihrer Frage wissen. „Wir sind halt angehalten, danach zu fragen“, bekam ich zur Antwort. Obwohl ich nicht angehalten bin, darauf zu antworten, gab ich frohgemut die Berliner PLZ eines Bekannten an. Er möge es mir verzeihen.

Hoffentlich habe ich jetzt keinen großen Fehler gemacht. Wenn das jetzt die Jungs von der Marktforschung rausfinden nach ihrer Langzeitstudie? Nachher wird der Elektronikmarkt dicht gemacht und komplett nach Berlin umgesiedelt. Wo kaufe ich dann meine PDAs? Ich träumte heute Nacht grauenhafte Szenerien. Wie die Gewerkschafter vor meiner Wohnung demonstrierten, weil ich für den Abbau von dreißig Teilzeitstellen in München verantwortlich gemacht werde. Wie ich die Subventionen der EU bis morgen zurückzahlen muss. Und natürlich muss ich mich auch dafür verantworten, dass ich aufgedeckt habe, dass die Frage nach der PLZ eigentlich schon seit Jahren nicht mehr ausgewertet wird.

Da lobe ich mir doch die Frage beim Rewe: „Haben Sie eine Kundenkarte?“ – „Nein“, antworte ich dann. „Ich wollte nur zahlen.“ Komischerweise hat mich noch nie einer gefragt, ob ich denn eine Kundenkarte möchte. Vielleicht bin ich ja ganz wild nach Kundenkarten? Wer weiß das schon? Es törnt mich doch mächtig an, wenn das Rewe- Sortiment künftig nach meinem Einkaufsverhalten ausgerichtet wird. Wenn ich keinen scharfen Löwensenf mehr kaufe, schwupps, ist er zwei Wochen später aus den Regalen verschwunden. Wenn das nichts ist.

Aber die Krönung sind doch die vielen Gewinnspiele, die mir überall unterkommen. Die vielen Audis, Volkswagen und Porsches kann ich gar nicht mehr alle fahren, die ich schon fast gewonnen hätte. Und jede Woche mit Günter Jauch in „Wer wird Millionär“ zu spielen, wird auch langweilig. Immerhin lande ich dann in einer statistischen Auswertung und bin verantwortlich für künftige Kampagnen. Auch liebe ich die vielen Anrufe, die mir mitteilen, dass ich zwar keinen Audi gewonnen habe, aber dafür auf jeden Fall einen 10 Euro Gutschein von Quelle gewinne, wenn ich für 1.000 Euro aus dem Katalog einkaufe. Wenn das nichts ist?

Also, Marktforschung finde ich schon toll. Gerade neulich kam ich beim Parkplatz vom ALDI, als ich nur eine Zeitung aus dem stummen Verkäufer holte, zu Unrecht in eine andere Langzeit – Studie. Ein Institut wollte herausfinden, warum so viele Kunden beim ALDI einkaufen. Dass ich gar nicht dort eingekauft habe, hat den Interviewer nicht interessiert.

Trotzdem las ich neulich das verblüffend, richtige Ergebnis dieser Studie:
Die große Zahl der Einkäufer korreliert mit den günstigen Preisen! Hossa!

Jäger & Sammler

Am Beispiel des Einkaufverhaltens. Das Männchen geht eines Morgens auf die Straße und stellt fest: Schnee! Bis zu den Knöcheln. Es watet im Schnee! Das Signal, ein zweites Paar weiße Socken zu den Sandalen anzuziehen und in den angestammten Schuhladen zu fahren. Dort fixiert der große, weiße Jäger die zu dieser Jahreszeit aufgereihten Winterschuhe, greift nach kurzem Rundblick zielsicher einen Schuh heraus, probiert ihn mit angewiderter Miene, nimmt das zweite Stück mit zur Kasse, zahlt und geht. Diese Beute wird ihn sicher durch die nächsten zehn Winter tragen.

Anders das Weibchen: Die als Abfall aussortierten Werbebeilagen der Morgenzeitung des Männchens hat sie fasziniert studiert. Diese neue Teflonpfanne mit gemeißeltem Aluminiumgriff und gedrehtem Stahlboden hat ihr Herz sofort entflammt. Unter einem Vorwand lockt sie das Männchen ins nächst gelegene Einkaufscenter, weil es ja sowieso neue Winterschuhe bräuchte.

Doch dort, ahh! Plötzlich fällt ihr ein. Sie braucht unbedingt neue, weiße Turnschuhe. Die alten sind mindestens schon sechs Monate alt, wenn nicht noch mehr. Also, weiße Turnschuhe müssen es jetzt sein. Instinktiv spürt das Männchen die nahende Gefahr. Jetzt bloß ruhig bleiben. Es setzt sich also vorsichtig auf eine dieser Knöchel hohen Bänkchen und harrt demütig der kommenden Turbulenzen.

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Kurz schöpft es noch Hoffnung, sind doch weiße Turnschuhe zu Dutzenden aufgereiht. Für sein Auge sehen die alle absolut identisch aus. Weit gefehlt. Mit prüfenden Blicken nimmt das Weibchen jedes einzelne Exemplar herunter, dreht und wiegt. Probiert und trägt. Na? Will sie wissen, wie sehen die aus? – Wie ein weißer Turnschuh, wäre jetzt die suboptimale Antwort! Nicken und Grunzen ist die bessere Alternative.

Nach kürzester Zeit gleicht die Turnschuhabteilung einem Kinderfaschingsball in der Endphase. Kein Karton steht mehr auf seinem ursprünglichen Platz. Zwei in entfernte Ecken geflüchtete Verkäufer werden herbei zitiert, um von diesem und jenem Exemplar die passende Größe aus dem Lager zu holen. „Nur die Größen, die Sie hier sehen“, zieht jetzt nicht mehr. Hier waltet das Weibchen in seinem ursprünglichen Reich. Resigniert nehmen es die Verkäufer zur Kenntnis und schleppen eine passende Größe nach der anderen herbei. Weiße Turnschuhe, soweit das Auge reicht!

Das Drama nimmt seinen vorgesehenen Lauf. Doch, plötzlich! Ein „Der-ist-es-Schrei“ durchdringt die Kartonstapel. Tatsächlich. Triumphierend hält das Weibchen einen weißen Turnschuh in die Höhe, der sich für alle anwesenden Männchen in nichts von anderen weißen Turnschuhen unterscheidet. In nichts? Das wäre aber wirklich zu einfach.

Mit unglaublicher Sicherheit hat sie genau das einzige Exemplar unter Hunderten oder Tausenden, wenn nicht Dutzenden gefunden, zu dem es kein zweites Exemplar gibt. Aber genau dieser Schuh muss es sein! Dieser oder keiner!

Nachdem die beiden Verkäufer inzwischen sowieso allen Widerstand eingestellt haben, sortieren sie jetzt alle Schuhe affenartig schnell zusammen. Fast beschleicht den Beobachter der Verdacht, sie wollten das Weibchen loswerden, so emsig sind sie. Die Kartons werden geschwind befüllt und ordentlich gestapelt. Doch zuletzt bleibt genau dieser eine Schuh übrig. Der, der es sein muss.

Ein einsamer, weißer Turnschuh, Größe 39. Und jetzt? Sie sinniert über Ladendiebe, die ihren einen Schuh geklaut haben. Über die Menschheit, die in Kürze vor die Hunde geht, wenn jetzt schon einzelne Schuhe geklaut werden. Über die zehn Gebote. Ein Drama bahnt sich an.

Es naht der Abteilungsleiter. Der Deus ex Machina? Der Retter? Er macht einen Vorschlag. Nehmen Sie doch diesen Schuh, Größe 39 und einen Größe 38, probieren Sie. Vielleicht passen sie ja? Das Gesicht des Weibchens verfinstert sich zunehmend.

Probieren Sie. Wenn sie passen, mache ich Ihnen den halben Preis. Na gut, probieren kann man ja. Zögernd probiert sie. 39 links, 38 rechts ein Paar tastende Schritte. Trippelnd. Zögernd. Aber der halbe Preis?  „Was meinst du, Schatz?“, rhetorisiert sie in Richtung des Männchens, das nur scheinbar entspannt auf dem Bänkchen kauert. Nicken und Grunzen kommt als einzig richtige Antwort.

Na ja, es geht sich eigentlich ganz gut. Also gut, meinetwegen. Gebongt. Die nehme ich. Erleichtert wird sie zur Kasse begleitet und noch erleichterter zum Ausgang. Ihre Euphorie über ihren gelungen Beutezug nutzt das erfahrene Männchen jetzt geschickt aus und dirigiert sie zurück zum Auto. Jetzt bloß kein falsches Wort. Als sie endlich wieder zuhause angekommen sind, fällt es ihr ein. Sie hat die Pfanne vergessen. Glatt! Hättest du mich nicht erinnern können?, tadelt sie.

Hätte ich, denkt das Männchen.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Warum gibt es immer mehr Typberater, Visagisten, Berater und Coaches jeder Couleur?

Weil immer mehr Menschen mit ihrem Selbstbild nicht mehr in Einklang sind. Dass es ein Selbstbild gibt, das jeder irgendwie von sich hat, ist bekannt. Das kann das Bild sein, das man morgens im Spiegel rasiert, auch wenn man das Gesicht nicht gleich erkennt oder die tolle Frau im Abendkleid, die ihr Spiegelbild in der Boutique bewundert. Wenn man mit dem Bild im Spiegel da in Einklang ist, ist alles gut.

Photography Art@Fotolia

Das ist man aber leider nicht immer. Und jetzt kommt das Interessante an dieser Geschichte: Nämlich, wie sich das bemerkbar macht. Unser Gehirn als unerbittlicher Wächter über die gelernte Realität schützt sehr verbissen das, was es als „Eigentum“ zu besitzen glaubt. Die eigene Identität, das eigene Gedächtnis, das eigene Er-Leben.

Ist das Selbstbild also nicht wirklich mit sich in Harmonie, passiert folgendes. Wir alle kennen den Begriff der selektiven Wahrnehmung: Wird eine Frau schwanger, sieht der Ehemann plötzlich überall nur noch Frauen mit Kinderwagen, die er vorher nie wahrnahm. Fühlt sich jemand zu dick, wird er überall auf beleibte Menschen achten.

Subtiler arbeitet das Gehirn bei angelernten Verhaltensmustern, mit denen der Mensch nicht wirklich, aber unbewusst, nicht übereinstimmt. Um sein Selbstbild aufrecht zu erhalten, projiziert es die – eigentlich eigenen Störungen – auf beliebige Gegenüber. Mensch, kommt der aber arrogant daher, denkt das Stammhirn desjenigen, der Probleme mit seiner eigenen Arroganz hat.

Wie lieblos dieses Pärchen miteinander umgeht, denkt die Frau, deren eigene Ehe schon lange unter Lieblosigkeit leidet. Tatsächlich nehmen wir an anderen nur wahr, was der Andere von uns als Spiegelbild zurück wirft. So erklären sich auch die berühmten ersten Sekunden einer Begegnung. Der Andere ist uns sympathisch, weil er unsere eigene Freundlichkeit spiegelt. Der Andere ist uns unsympathisch, weil wir in ihm unsere eigene Herrschsüchtigkeit wahrnehmen. Manch einen, dem wir begegnen, nehmen wir kaum wahr, weil er ins uns selbst schlicht keine Saite zum Klingen bringt.

Wenn Sie sich das nächste Mal also über den fiesen Chef ärgern, der Sie schon wieder nicht gebührend gelobt hat. Wenn Sie ärgerlich auf Ihre Tochter sind, die die Pflichten in der Schule zu nachlässig angeht, dann wissen Sie, was Sie zukünftig tun werden.

Sie werden sich daran erinnern, dass Sie nur wahrnehmen, was Sie im Spiegel des Gegenübers sehen. Und dann urteilen Sie zukünftig vielleicht etwas milder über die vermeintlich so fehlerhaften Mitmenschen. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Erschließt sich jetzt der tiefere Sinn des berühmten Märchens?

Oder Sie machen es wie die Frau im bekannten jüdischen Witz, die zu Ihrem ausgesprochen nicht Mainstream konformen Spiegelbild sagt:

„Dieses Scheusal gönn’ ich ihm.“